Beihefte zum Jahrbuch für fränkische Landesforschung
Franconia 8

JFLB 08

ISBN 978-3-940049-21-6

MITREGIEREN UND HERRSCHAFTSTEILUNG IN DER FRÜHEN NEUZEIT
Beiträge zur Machtfrage im Alten Reich
und Bayern

herausgegeben von Wolfgang Wüst
redaktionelle Mitarbeit Marina Heller

2016. Festeinband
XXVI und 243  Seiten, diverse Abbildungen

VK 29,80 EUR

Abbildung auf der Einbandvorderseite

Welchen Stellenwert hatten Willensbildung und Repräsentation, Debatten und Abstimmungen sowie Konfliktlösung und Partizipation im Alten Reich? Gab es einen Parlamentarismus vor dem Parlament?

Diesen Fragen widmete sich das Symposium des Zentralinstituts für Regionenforschung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen- Nürnberg unter Leitung von Prof. Dr. Wolfgang Wüst, dessen Ergebnisse in diesem Band präsentiert werden.

Vom Mittelalter bis zum Beginn der Moderne betrachten namhafte Historikerinnen und Historiker die Herrschaftsverhältnisse im Ancien Régime. Dabei treten unter anderem neben den Städten, Kreiskonventen und Fürstenversammlungen die herrschaftlichen Beamten, Berater und Gesandte in den Vordergrund der Betrachtungen.

Über den Herausgeber: Prof. Dr. Wolfgang Wüst ist seit dem Jahr 2000 Inhaber des Lehrstuhls für Bayerische und Fränkische Landesgeschichte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Verzeichnis der Autorinnen und Autoren
Vorwort
Wolfgang Wüst / Michael Müller, Themeneinführung
Marina Heller, Tagungszusammenfassung

SEKTION I: METHODE UND VERFASSTHEIT
Wolfgang E. J. Weber, Imperium et obsequium. Regierung und Gehorsam im frühneuzeitlichen Reich aus der Sicht des zeitgenössischen Öffentlichen Rechts und der Politikwissenschaft
Christoph Becker, Kommunale Autonomie zum gemeinen Besten. Frühneuzeitliche Weiterentwicklung des Stadtrechts unter dem Einfluss des ius commune durch die Rechtsteilnehmer selbst
Peter Claus Hartmann, Subsidiarität, politische Willensbildung und Repräsentation im frühneuzeitlichen Alten Reich
Wolfgang Wüst, Inhalte, Debatten und Abstimmungen in süddeutschen Kreiskonventen
Michael Müller, Regierten die Reichskreise mit im frühmodernen Reich? Untersuchung der politischen Rolle und Kompetenzen der Reichskreise bis 1806

SEKTION II: FALLBEISPIELE
Andreas Otto Weber, Die Rolle der Hofräte und Lokalverwalter in der Außenpolitik fränkischer Territorien im 16. Jahrhundert
Gisela Drossbach, Äbte – Konvente –Kapitel: Verfassungsstrukturen süddeutscher religiöser Institutionen im Mittelalter
Rainald Becker, „Wissen wird Macht!“ – Universitätsgelehrte im Dienst der fränkischen Hohenzollern
Andreas Würgler, Konfliktlösung und Partizipation in der Alten Eidgenossenschaft
Christof Paulus, Parlamentarismus vor dem Parlament? Verfassungsgeschichtliche Überlegungen zur Entwicklung institutioneller Mitsprache
Reinhard Heydenreuter, Des Landesherrn liebster Beamter: Die Hofkammerpräsidenten des Herzogtums und Kurfürstentums Bayern unter Herzog Wilhelm V. und Kurfürst Maximilian
Axel Gotthard, Das Alte Reich, eine Kurfürstenoligarchie? Allgemeine Überlegungen und Blicke auf Bayerns erste Kurfürsten

Orts- und Personenregister

VERZEICHNIS DER AUTORINNEN UND AUTOREN
Prof. Dr. Christoph B e c k e r , Universität Augsburg
PD Dr. Rainald B e c k e r , Ludwig-Maximilians-Universität München
Prof. Dr. Gisela D r o s s b a c h , Universität Augsburg
Prof. Dr. Axel G o t t h a r d , Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Prof. Dr. Dr. Peter Claus H a r t m a n n , Johannes Gutenberg-Universität Mainz, München
Marina H e l l e r , M.A., Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Prof. Dr. Reinhard H e y d e n r e u t e r , Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt, Universität Passau
PD Dr. Michael M ü l l e r , Johannes Gutenberg-Universität Mainz
PD Dr. Christof P a u l u s , Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Ludwig-Maximilians-Universität München
Prof. Dr. Andreas Otto W e b e r , Haus des Deutschen Ostens, München, Friedrich- Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Prof. Dr. Wolfgang E. J. W e b e r , Universität Augsburg
Prof. Dr. Andreas W ü r g l e r , Université de Genève / Universität Genf
Prof. Dr. Wolfgang W ü s t , Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Die Thematik des Symposiums, das das Zentralinstitut für Regionenforschung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg unter Leitung von Prof. Dr. Wolfgang Wüst vom 11. bis 13. Februar 2015 im Kloster Banz veranstaltet hat, eröffnet in mehrfacher Hinsicht überraschend aktuelle Perspektiven. „Mitregieren und Herrschaftsteilung in der Frühen Neuzeit – Beiträge zur Machtfrage im Alten Reich und in Bayern“, betrifft u.a. Vorformen des Parlamentarismus in Bayern ebenso wie Ähnlichkeiten zwischen der Struktur des Alten Reiches und der Entwicklung des politischen Systems der Europäischen Union sowie die Manifestierung zumindest des fränkischen Selbstbewusstseins in der Einführung des Tages der Franken im Rückgriff auf den einstigen Fränkischen Reichskreis.

Die moderne parlamentarische Demokratie im Freistaat mit ihren Grundsätzen der Gleichheit der Bürger , dem Gedanken der Repräsentation sowie dem Mehrheitsprinzip und dem Minderheitenschutz speist sich auch aus einer Reihe historischer Elemente wie der republikanischen Tradition der kommunalen Selbstverwaltung vor allem in den Reichsstädten, der von unten aufgebauten Verfassungsstruktur des Alten Reiches, seiner korporativen Willensbildung und den unterschiedlichen Formen der Mitwirkung und Mitbestimmung der Stände, dem Prinzip der Herrschaftsteilung und der vorherrschenden Suche nach Konsens sowie der Vermittlung der Herrschaft in die Breite des Landes.

Der deutsche Bundesstaat mit seinen Gliedstaaten trifft seit den 50er Jahren auf eine Europäische Union, in der die 16 deutschen Länder als Regionen einen Sonderfall darstellen, da nur drei der 28 Mitgliedstaaten föderativ aufgebaut und nur wenige weitere mit Exekutiven und Legislativen dezentralisiert sind. Daraus resultiert auch für das einzelne deutsche Land das Problem einer höchst begrenzten Mitbestimmungsmöglichkeit auf europäischer Ebene. Gleichzeitig erinnert die auf der Souveränität der Mitgliedstaaten beruhende vielfältige staatenbündische Organstruktur an der Spitze und die wachsende Unübersichtlichkeit des Mehrebenensystems der Europäischen Union immer mehr an den institutionalisierten Pluralismus des Alten Reiches.

Die am 2. Juli 1500 mit den Reichskreisen eingerichtete Struktur landsmannschaftlicher reichsständischer Interessenvertretung wurde besonders im Fränkischen und Schwäbischen Reichskreis mit Leben erfüllt und bildete im Süden zusammen mit dem Bayerischen Reichskreis ein bedeutendes Instrument überterritorialer Zusammenarbeit im Alten Reich. Mit der Einrichtung des Tages der Franken durch den Bayerischen Landtag im Jahr 2006 hat das starke fränkische Selbstbewusstsein, das in den drei fränkischen Regierungsbezirken auf dem Gebiet des ehemaligen Fränkischen Reichskreises zum Ausdruck kommt, inzwischen eine besondere Berücksichtigung erfahren, in dem dieser Tag nun jedes Jahr an einem anderen Ort in Franken in der Regie der Bezirke unter großer Beteiligung der Bevölkerung festlich begangen wird.

Die genannten Beispiele machen den Nutzen deutlich, den der Blick in die Geschichte bereithält. Dem Zentralinstitut für Regionenforschung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und seinem Leiter kommt das Verdienst zu, mit qualifizierten wissenschaftlichen Beiträgen die historische Dimension für das Verständnis aktueller politischer Entwicklungen zu erschließen. In diesem Sinne verdienen der Initiator des Projekts und die Autoren unseren besonderen Dank verbunden mit dem Wunsch nach vielen interessierten Lesern.

Reinhold Bocklet, MdL
1. Vizepräsident des Bayerischen Landtags
Staatsminister a.D.