Beihefte zum Jahrbuch für fränkische Landesforschung

Franconia 1

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JFLB 01

ISBN 978-3-940049-07-0
(ISBN alt: 3-7686-9290-6)

Franken - Vorstellung und Wirklichkeit in der Geschichte.

herausgegeben von
Werner K. Blessing und Dieter J. Weiß
Redaktionelle Mitarbeit Irene Ramorobi

2003. Festeinband
417 Seiten, zahlreiche Abbildungen

VK 29,80 EUR

Der Band präsentiert die Ergebnisse eines Colloquiums, das die Sektion Franken des Zentralinstituts für Regionalforschung der Universität Erlangen-Nürnberg vom 15. bis 17. Februar 2001 im Bildungszentrum der Stadt Nürnberg veranstaltet hat. Mit einem langen Zeitbogen vom frühen Mittelalter bis in das 20. Jahrhundert wurde systematisch nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden in der Geschichte des vielgestaltigen Franken gesucht. Wo lag Franken? Und war es seinen Bewohnern, aber auch im Blick von außen als eine Region bewusst? Inwieweit realisierte es sich im Handeln der Menschen, in politischen Institutionen und gesellschaftlichen Strukturen? Als herrschaftliche Einheit hat es Franken ja nie gegeben, weder als mittelalterliches Stammesherzogtum noch später als Fürstentum oder schließlich als einen modernen Staat. In das Gebiet, das heute die drei fränkischen Regierungsbezirke umfassen, teilten sich viele Herren – Bischöfe, Markgrafen, Reichsstädte, Reichsritter –, bis Anfang des 19. Jahrhunderts in der „Flurbereinigung“ Deutschlands durch Napoleon die meisten Territorien an Bayern kamen. Doch in den drei Jahrhunderten davor, seit der Zeit um 1500, hatte es immerhin ein lebendiges Band um sie gegeben, den Fränkischen Reichskreis im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, das auch der Gegensatz zwischen Katholiken und Protestanten im Konfessionellen Zeitalter nicht sprengte.

Die Antworten, welche Historiker sowie Vertreter der Archäologie, der Kunstgeschichte, der Germanistik und der Volkskunde fanden, stehen in den Beiträgen des Bandes.

Alfred Wendehorst, Raum und Epochen der fränkischen Geschichte

Tobias Springer, Als Franken noch nicht fränkisch war. Zur Besiedelungsentwicklung vom Ende der römischen Kaiserzeit bis zur Merowingerzeit in Nordbayern

Robert Schuh, Franken als Ortsnamenlandschaft

Dieter J. Weiß, Die Entstehung Frankens im Mittelalter. Von der Besiedlung zum Reichskreis

Peter Fleischmann, Nürnberg - und Franken oder das Reich?

Klaus Arnold, Franken und die Stadt Nürnberg in Bildern, Ansichten und Texten um 1500

Karl Borchardt, Die Franken und ihre Herzöge in der humanistischen Historiographie

Wolfgang Wüst, Auf der Suche nach dem fränkischen Modellstaat. Territorialisierung - Modernisierung - Identifizierung

Rudolf Endres, Der Fränkische Reichskreis als regionales Bindeglied

Gerhard Rechter, Der fränkische Reichsadel. Eine ständische Utopie oder eine historische Realität?

Helmut Neuhaus
, Franken und das Reich. Fränkischer Adel im Reichsdienst während der Frühen Neuzeit

Volkmar Greiselmayer, Franken als Kunstlandschaft in der Frühen Neuzeit

Werner Wilhelm Schnabel, Literatur und Region. Das frühneuzeitliche Franken als .Literaturlandschaft?

Alois Schmid
, Fränkische Klosterbibliotheken als Zentren von Bildung und Wissenschaft im 18. Jahrhundert

Wolfgang Brückner, Konfessionelle Bewußtseinshorizonte in Franken

Christoph Daxelmüller, Juden in Franken -jüdische Franken

Karl B. Murr, Die Konstruktion von historischen Identitäten: König Ludwigs I. fränkische Denkmäler

Werner K. Blessing, Franken im Bayern des 19. Jahrhunderts. Bemerkungen zu einem labilen Horizont

Clemens Wächter, Nürnberg nach dem Zweiten Weltkrieg - Metropole Frankens

Hartmut Heller, Organisierte Regionalidentität: Der Frankenbund e.V.

Register

MITARBEITER:
Arnold, Klaus, Dr. phil., Univ.-Prof., Hamburg
Blessing, Werner K., Dr. phil., Univ.-Prof., Erlangen
Borchardt, Karl, Dr. phil., Univ.-Prof., Stadtarchivar, Rothenburg
Brückner, Wolfgang, Dr. phil., Univ.-Prof. (em.), Würzburg
Daxelmüller, Christoph, Dr. phil., Univ.-Prof., Würzburg
Endres, Rudolf, Dr. phil., Univ.-Prof. (em.), Bayreuth / Erlangen
Fleischmann, Peter, Dr. phil., Archivdirektor, Augsburg
Greiselmayer, Volkmar, Dr. phil., Univ.-Prof., Würzburg
Heller, Hartmut, Dr. phil., Univ.-Prof., Nürnberg
Murr, Karl B., M.A., Wiss. Assistent, Eichstätt
Neuhaus, Helmut, Dr. phil., Univ.-Prof., Erlangen
Rechter, Gerhard, Dr. phil., Ltd. Archivdirektor, Nürnberg
Schmid, Alois, Dr. phil., Univ.-Prof., München
Schnabel, Werner Wilhelm, Dr. phil., Dr. phil. habil., Priv.-Doz., Erlangen
Schuh, Robert, Dr. phil., Wiss. Mitarbeiter, Nürnberg
Springer, Tobias, Dr. phil., Oberkonservator, Nürnberg
Wächter, Clemens, Dr. phil., Wiss. Mitarbeiter, Erlangen
Weiß, Dieter J., Dr. phil., Univ.-Prof., Bayreuth
Wendehorst, Alfred, Dr. phil., Univ.-Prof. (em.), Erlangen
Wüst, Wolfgang, Dr. phil., Univ.-Prof., Erlangen

Die Sektion Franken des Zentralinstituts für Regionalforschung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg veranstaltete in Kooperation mit dem Bildungszentrum der Stadt Nürnberg vom 15. bis zum 17. Februar 2001 in Nürnberg ein Kolloquium zum Thema „Franken - Vorstellung und Wirklichkeit in der Geschichte“. An erster Stelle gilt unser Dank den Referenten, die sich alle mit großem Engagement beteiligt und die trotz vieler anderer Verpflichtungen ihre Beiträge zur Drucklegung zur Verfügung gestellt haben. Außerdem danken wir den Persönlichkeiten und Institutionen. namentlich der Dr. Alfred-Vinzl-Stiftung, der Schöller Familien-Stiftung, der Nürnberger Versicherungsgruppe, der Sparkasse Nürnberg und dem Bezirk Mittelfranken, die in Zeiten knapper werdender öffentlicher Haushalte durch ihr Mäzenatentum das Gelingen der Veranstaltung ermöglicht haben. Für einen Druckkostenzuschuß danken wir der Friedrich Freiherr von Hallerschen Forschungsstiftung, Nürnberg.

Die Fragestellung nach dem Verhältnis zwischen dem Bild von Franken und der Realität Frankens in unterschiedlichen Epochen, von der Spätantike bis in das 20. Jahrhundert, stieß auf großes öffentliches Interesse. Die Antworten, die Vertreter mehrerer Disziplinen - Geschichtswissenschaft, Archäologie, Kunstgeschichte, Germanistik und Volkskunde - gaben, werden in dem vorliegenden Band festgehalten. Stets ging es darum, inwieweit ein Raum, der nie eine herrschaftliche Einheit bildete, für seine Bewohner und von außen als Region erschien und was ihn im tatsächlichen Handeln, in Institutionen und in gesellschaftlichen Strukturen verknüpfte oder eher teilte. Wie gab es Franken und wo lag es?

Alfred Wendehorst beleuchtet in einer großen Tour d’horizon verschiedene Möglichkeiten, die Räume und Epochen der fränkischen Geschichte einzuteilen und damit jeweils unterschiedliche Aspekte in den Vordergrund zu rücken. Franken vor den Franken stellt Tobias Springer in den Mittelpunkt seines Beitrags, indem er in sorgfältiger Interpretation neuer archäologischer Funde die Besiedelungsentwicklung vom Ende der römischen Kaiserzeit bis zur Merowingerzeit nachzeichnet. Auch Robert Schuh befaßt sich mit der vorgeschichtlichen Entwicklung, soweit sie später in Ortsnamen greifbar wird. Er analysiert die verschiedenen Stufen der Ortsnamenbildung, von den ältesten Gewässernamen über keltische, germanische und slawische Namen bis zur germanisch-deutschen Ortsnamenschicht seit der Karolingerzeit. Dieter J. Weiß trägt die frühesten Franken-Nennungen im Raum des späteren Fränkischen Reichskreises zusammen, um das Selbstbewußtsein der Bevölkerung erfassen zu können. Dabei wird deutlich, daß sich während des frühen Mittelalters eine Verengung und Verschiebung des Raumes ergab, der von den Zeitgenossen als Ostfranken verstanden wurde, doch hatte Würzburg immer zentrale Bedeutung.

Peter Fleischmann kommt zu einer kritischen Würdigung der modernen Vorstellung von Nürnberg als Metropole Frankens für die Frühe Neuzeit, das erst im 18. Jahrhundert zum politischen Mittelpunkt des Fränkischen Reichskreises wurde. Der Nürnberger Reichspatriotismus und das Selbstbewußtsein als Reichsstadt überwogen lange die Bezüge zu Franken. Auch Klaus Arnold stellt Nürnberg in den Mittelpunkt seines Beitrags. Er untersucht die Darstellungen von Franken und Nürnberg in Bildern, Karten und Texten an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert. Gerade in den Landesbe-Schreibungen der Humanisten - bei Enea Silvio Piccolomini, Hartmann Schedel und Konrad Celtis etwa - spielten diese eine zentrale Rolle. Karl Borchardt greift ein wenig beachtetes Thema der Historiographie auf, indem er der Vorstellung von den Franken in der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Geschichtsschreibung nachgeht und die von David Wolleber zusammengestellte Genealogie der ostfränkischen Herzoge quellenkritisch würdigt. Er betont, daß auch die genealogischen Fiktionen, mit denen verschiedene Parteien im frühneuzeitlichen Franken aus politischen Gründen argumentierten, einen methodischen Fortschritt in der Historiographie erbrachten.

Der Suche nach dem fränkischen Modellstaat widmet sich Wolfgang Wüst, indem er die fränkischen Reichsstände im Hinblick darauf vergleichend analysiert. Er macht die Dynamik fränkischer Modellstaatlichkeit an grenzüberschreitender Transparenz und der Qualität der Beziehungen zum Kreis und zum Reich, an erfolgreichen dynastischen Neu- und Umorientierungen, an der Beharrungskraft der Ritterschaft und dem Ausgreifen der Reichsstadt in ihr Umland fest. Rudolf Endres betont sowohl die Bedeutung des Fränkischen Reichskreises als dynamisches Element im Hinblick auf die Fortentwicklung der Reichsverfassung wie als Bezugspunkt für das fränkische Selbstbewußtsein, wenn sich Ausdrücke wie „Fränkisches Vatterland“ oder „Creiß- Patriotismus“ auch nur vereinzelt nachweisen ließen. Der fränkische Niederadel, soweit er nicht in die Territorien eingebunden wurde, schloß sich im 16. Jahrhundert in den Kantonen der Reichsritterschaft zusammen. Trotz der Bezeichnung „Fränkischer Ritterkreis“ betont Gerhard Rechter, daß es sich in erster Linie um einen ständischen und nicht um einen landsmannschaftlichen Zusammenschluß gehandelt habe, und untersucht dazu den Terminus „freyer Frank“. Helmut Neuhaus widmet sich ebenfalls dem fränkischen Adel, dessen zentrale Rolle im Reichsdienst der Frühen Neuzeit er dokumentiert und analysiert. Dabei bezieht er die Reichsregimenter, das Reichskammergericht, den Reichshofrat und die Reichsarmee in seine Untersuchung ein, die den Charakter Frankens als „königsnaher Landschaft“ unterstreicht.

In regionaler und epochaler Differenzierung erarbeitet Volker Greiselmayer zentrale Linien der Kunstentwicklung in Franken während der Frühen Neuzeit. Werner Wilhelm Schnabel gelangt zu einer kritischen Sicht der Anwendbarkeit des Begriffs „Literaturlandschaft“ auf das frühneuzeitliche Franken, obwohl die Landschaftsmetapher besonders in der zeitgenössischen Kulturgeschichte Konjunktur hat. Da Franken auch in der Frühen Neuzeit keinen homogenen Bezugsraum bildete, plädiert er vom literaturwissenschaftlichen Standpunkt aus für eine stärkere Differenzierung der Literaturen. Die Territorien und Bindungen wie Konfession, Bildungshorizont oder Geburtsstand übten stärkere Einflüsse aus als ein Raumbezug auf Franken. Alois Schmid würdigt die fränkischen Klosterbibliotheken als Zentren von Wissenschaft und Bildung im 18. Jahrhundert, wobei er Amorbach, Langheim, Rebdorf und Banz untersucht. Er kommt zum Ergebnis, daß Franken keine eigene Bibliothekslandschaft bildete, sondern sich in die oberdeutsche Entwicklung mit einem Schwerpunkt in der Aufklärung einordnen läßt.

Wolfgang Brückner behandelt die konfessionellen Bewußtseinshorizonte in Franken, indem er besonders die Entwicklung an der Universität Würzburg im Hinblick auf seine Fragestellung analysiert. Er betont dabei, daß Kulturkampfzeiten im allgemeinen Bewußtsein länger nachgewirkt hätten als Geschichtserinnerungen an Reformation und katholische Reform, an lutherische Orthodoxie und jesuitische Spiritualtität. Christoph Daxelmüller gelangt mit seiner Frage nach Juden in Franken oder jüdischen Franken, der er durch die Jahrhunderte nachgeht, trotz Verfolgung und Ver-nichtung im Nationalsozialismus zu einer Antwort, die den Heimalbegriff relativiert, aber bestehen läßt. „Franken bot den Juden eine Heimat, und die Juden erfuhren Franken als ihre spezifische, manchmal geliebte, immer wieder vermißte, bisweilen verhaßte Heimat, da es stets eine brüchige Heimat war“.

Karl Borromäus Murr deckt die Konstruktion historischer Identitäten durch die fränkischen Personendenkmäler König Ludwigs I. auf: in Bayreuth, Erlangen, Bamberg und Würzburg. Ludwig I. setzte seine Stiftungen bewußt ein, um durch eine kalkulierte Geschichtspolitik die Integration der fränkischen Gebiete in das Königreich Bayern zu fördern. Die von ihm aufgegriffenen Traditionslinien wiesen immer wieder auf den bayerischen König als ihren Fluchtpunkt hin, über die Person des Monarchen sollte die kollektive Identitätsstiftung in Franken vermittelt werden, der deshalb auch den Titel eines Herzogs von Franken annahm. Werner K. Blessing fragt nach dem politischen Bewußtsein von Franken im Bayern des 19. Jahrhunderts. Während der Reichskreis als einigendes Band verblaßte, wuchs mit der Opposition einer bürgerlichen Öffentlichkeit gegen München die Vorstellung einer fränkischen Schicksalsgemeinschaft bis zum Höhepunkt in der Revolution 1848/49. Dann zerteilten die Gegensätze zwischen weltanschaulich-politischen Lagern, die mit der allgemeinen Politisierung Deutschland durchzogen, auch Franken, das jedoch auf anderem Feld einen neuen gemeinsamen Sinn erhielt - folkloristische ‚altfränkische‘ Züge, die als attraktives Image bis heute gepflegt werden.

Die Herausgeber sind sich der Tatsache bewußt, daß ein Beitrag über die Bedeutung Frankens für die nationalsozialistische Ideologie im vorliegenden Band fehlt, doch war dafür kein Bearbeiter zu gewinnen. Es muß weiteren Untersuchungen Vorbehalten bleiben, dieses Desiderat der Forschung auszufüllen. Clemens Wächter stellt die Frage nach Nürnberg als Metropole Frankens nach dem Zweiten Weltkrieg, womit er den gerade innerhalb Frankens umstrittenen Stellenwert dieser Stadt in den Mittelpunkt rückt. In diesem Zusammenhang werden verschiedene fränkische Autonomiebestrebungen behandelt. Seine Untersuchung der Standortfaktoren Medien und Bildung, Sport und Kultur sowie Wirtschaftsraum erbringt einen Wandel im durch Nationalsozialismus und Krieg zerstörten Selbstbild der Stadt. Während sie sich in den Nachkriegsjahren als fränkische Metropole etablieren wollte, dominiert seit den neunziger Jahren der europäische Blickwinkel, manifest etwa in der Betonung der Menschenrechte. Harmut Heller, ausgehend von der Analyse der 75-Jahr-Feier des Frankenbunds 1995 in der Würzburger Residenz, erarbeitet dessen Geschichte, wobei er die Herkunft der Mitglieder und die lokale Verteilung der Gruppen dieser über 6000 Mitglieder starken Organisation untersucht. Auch hier fällt in den letzten Jahren eine stärkere Betonung des wissenschaftlichen Charakters der Veranstaltungen und eine Öffnung nach Europa auf.

Die Schriftleitung des Jahrbuchs für fränkische Landesforschung eröffnet mit diesem Band die neue Reihe „Franconia“, die künftig der fränkischen Landesforschung als Forum für Monographien und Sammelbände neben der jährlich erscheinenden Zeitschrift zur Verfügung stehen soll.

Erlangen / Bayreuth, im Dezember des Jahres 2002                                                    Die Herausgeber

ZBKG: Walter Tausendpfund in: Zeitschrift für bayerische Kirchengeschichte - ZBKG 72 (2003), Seiten 246-247