Reihe XIII - Neujahrsblätter - Band 52

R13B52

ISBN 978-3-86652-052-3

 

Matthias Lermann

Der Würzburger Oberbürgermeister Dr. Hans Löffler
Bürgerethik und Liberalismus

 

2015. Festeinband
208 Seiten, diverse Abbildungen und Tabellen

VK 24,80 EUR

Abbildung auf dem Umschlag:
Dr. h.c. Hans Löffler; Kaltnadelradierung von J.A. Rössner;
um 1925; Bestand des Stadtarchivs Würzburg.

Dem Würzburger Oberbürgermeister Dr. Hans Löffler, der von 1921 bis 1933 sowie von 1946 bis 1948 amtierte, ist Band 52 der Neujahrsblätter gewidmet.

Neben Löfflers bedeutendstem Verdienst, dem frühzeitigen und unmissverständlichen Eintreten für die jüdischen Mitbürger Würzburgs gegen die Verhetzungen der Nationalsozialisten, zeichnete ihn vor allem seine weitsichtige Finanzpolitik aus, die Projekte ermöglichte, von denen Würzburg noch heute profitiert. Hierzu gehören zum Beispiel die Vollendung des Luitpoldkrankenhauses, die Initiierung des Mozartfestes, die Eingemeindung der Stadt Heidingsfeld oder auch der Beginn des Siedlungsbaus auf der Keesburg.

Dem Historiker Dr. Matthias Lermann gelang es, Löfflers Tagebuchchronik aus einem Privatarchiv auszuheben und unter Anwendung moderner geschichts wissenschaftlicher Verfahren auszuwerten. Dadurch wurde es möglich, das Lebensbild dieses charaktervollen Mannes zu zeichnen.

I.  Die Prolegomena der Hans-Löffler-Forschung
1. Forschungsstand, Quellenlage und Thesen
2. Das Ego-Dokument – eine „(auto-)biographische Illusion“?
3. Bürgertum und bürgerlich-liberale Bewegung
4. Abriss der Würzburger Stadt(rechts-)geschichte 1869–1955

II.  Der Weg nach oben
1. Prolog in Karlstadt
2. Aufbruch nach Würzburg
3. Als (Corps-)student und Rechtspraktikant
4. Berufsfindung, Familiengründung und Hausbau

III.  In erster Bewährung
1. Der Kriegsausbruch 1914
2. Verwaltung der Würzburger Kriegsbewirtschaftung
3. Novemberrevolution und Räteherrschaft

IV. Als Stadtoberhaupt
1. Grundzüge (kommunal-)politischer Herausforderungen 1921–1933
2. Hans Löffler als homo politicus
3. Die stadtpolitische Agenda der ersten Amtszeit
4. Hans Löffler als Liberalist und Katholik
5. Der „Judenbürgermeister“ – Pejorativ versus Realität
6. Das gesellschaftliche und private Leben des Oberbürgermeisters

V. Der Weg in die Innere Emigration
1. Ein letztes Aufbäumen: Die Würzburger „Hindenburgfront“
2. Erzwungener Rücktritt vom Oberbürgermeisteramt
3. Aufbruch nach Chieming
4. Der Innere Emigrant während des Zweiten Weltkriegs

VI. Als Nachkriegspolitiker
1. Rückkehr nach Würzburg
2. Die zweite Amtszeit als Oberbürgermeister
3. Die späten Jahre

VII. Zusammenfassung

Mit seiner 2013 in Würzburg vorgelegten und angenommenen Dissertation hat Matthias Lermann eine fühlbare Lücke in der jüngeren Würzburger Stadtgeschichte geschlossen. Daher empfiehlt sich die Drucklegung dieses Desiderates durch die Gesellschaft für Fränkische Geschichte.

Es ist nicht so, dass Hans Löffler, Oberbürgermeister von Würzburg von 1921– 1933 und nochmals 1946–1948 bisher völlig unbeachtet geblieben wäre. Es waren bewegte Jahrzehnte, die hier nur mit einigen bekannten Hinweisen skizziert seien: Zwei Weltkriege mit schweren Nachkriegsjahren, die politisch instabile und sozial geschüttelte Weimarer Republik, die Inflation, die Weltwirtschaftskrise die Massenarbeitslosigkeit, das Erstarken der Nationalsozialisten, Zusammenbruch und Kapitulation, amerikanische Militärregierung, Beginne des wirtschaftlichen und politischen Wiederaufbaues. Minutiös zählt Matthias Lermann die einschlägigen Veröffentlichungen auf, die Hans Löffler und sein Wirken erwähnen, jedoch bisher immer nur in Teilaspekten und in Spezialuntersuchungen. Angeregt von seinem Mentor und Doktorvater, Matthias Stickler, hat es Lermann unternommen, eine Gesamtbiographie Löfflers zu erarbeiten und ihn dabei in sozial- und mentalitätsgeschichtliche Entwicklungslinien einzubinden. Der Untertitel der Dissertation daher kennzeichnet kurz und bündig Löffler unter den Stichworten:

„Bürgerethik und Liberalismus“.

Obzwar Hans Löffler, 1872 geboren, aufwuchs in einer Zeit, in der Könige oder ein Prinzregent regierten und es einen deutschen Kaiser gab, war der kleine Beamtensohn aus Karlstadt kein Monarchist, sondern Liberaler und überzeugter Demokrat. Er bewunderte die Staatskunst des Reichskanzlers Otto von Bismarck und achtete den diplomatischen Dilettanten, Kaiser Wilhelm II. wenig. Er selbst schätzte die bürgerlichen Tugenden und die eigenen Leistungen höher ein als Adelsstolz und wurde so ein exemplarischer Vertreter eines leistungsstarken, ethisch verantwortungsvollen und pflichtbewussten Bildungsbürgertums liberaldemokratischer Prägung.

Was Löfflers Liberalismus besonders auszeichnete – auch das hat Matthias Lermann deutlich gemacht – war die Tatsache, dass Hans Löffler die politische und gesellschaftliche Liberalität nicht eine Grenze finden ließ an den jüdischen Mitbürgern. Deren Rechte achtete und wahrte er so sehr, dass ihn antisemitische Kreise als „Judenbürgermeister“ zu verunglimpfen glaubten.

Löffler war und blieb Katholik, scheute sich aber nicht, im Corpsstudententum Würzburgs aktiv zu werden. Dies war in der katholischen Kirche damals verpönt wegen der in den Corps früher üblichen Duellpflicht in sogenannten Ehrenhändeln. Löffler achtete die ethischen Normen des Christentums, pflegte aber keine enge Verbindung zum Klerus und besuchte – dem Vernehmen nach – lediglich an Weihnachten einen Gottesdienst.

Innere Standfestigkeit, Toleranz und Liberalität und Mut zeigte Hand Löffler als Oberbürgermeister, dem die kommunale Autonomie ein verteidigungswürdiges politisches Element war, als er – trotz drohender Amtsenthebung 1933 nicht auf die Seite der neuen, „braunen“ Machthaber einschwenkte, sondern lieber die politische Entmachtung und die gesellschaftlich Isolation in Kauf nahm, als seine Grundsätze preiszugeben. Jahre der inneren Emigration folgten, die er mit seiner Familie im Chiemgau verbrachte. Er wählte also nicht – wie viele andere Dissidenten aus der Schicht der Intellektuellen den oft lebensrettenden Exodus, vielleicht im Glauben an ein baldiges Ende des NS-Regimes.

Lermann schildert eingehend Löfflers Laufbahn, die dieser als Rechtspraktikant begann und sich in der Verwaltung der Kriegswirtschaft in Würzburg wertvolle Erfahrungen für Krisenzeiten erwarb, dann die Novemberrevolution, die kurzfristige Räteherrschaft und Hungerstreik erlebte, bis er 1921 eine erste, lange Amtszeit als Oberbürgermeister antrat. In dieser Zeit, die vom starken politischen Wandel gekennzeichnet war, stellte OB Löffler in der Stadt Würzburg einen stabilisierenden Faktor dar. In der städtischen Geschichte dieser Jahre sind hervorzuheben einmal die Vollendung vom Luitpold-Krankenhaus, die wegen des Ersten Weltkrieges lange verzögert beginnen konnte. Für die Verdienste Löfflers bei diesem großen Werk im Stadtteil Grombühl verlieh ihm die medizinische Fakultät den Doktortitel ehrenhalber.

Der Wohnungsnot der Nachkriegszeit steuerte man in Löfflers erster Amtszeit beispielsweise durch die Anlage der Gartenstadt Keesburg und durch die sogenannte „Hindenburg-Siedlung“. Durch die Eingemeindung des vorher selbständigen Nachbarstädtchens Heidingsfeld 1930 überstieg die Einwohnerzahl die 100 000er Grenze und Würzburg wurde damit formal eine Großstadt. Im Gelände der ehemaligen Heidingsfelder Lehmgrube begann mit der sogenannten „Kupsch-Siedlung“, ein neuer Stadtteil.

Wie viele andere bombengeschädigte Städte verlor auch Würzburg große Teile des amtlichen Schriftgutes und im halböffentlichen und privaten Bereich unschätzbares kultur-, wirtschafts-, familiengeschichtliches Quellenmaterial, was besonders die Möglichkeiten wissenschaftlich zuverlässiger Biographien sehr einschränkte. Vor diesem Problem sah sich auch die Löffler-Biographie. Der Stadt Würzburg gingen zum Beispiel ihre umfangreichen Ratsakten verloren. Glücklicherweise blieben wenigstens die allerdings weniger umfänglichen Ratsprotokolle und die Personalalte von Hans Löffler erhalten. Mit diesem „Pfund“ hat Matthias Lermann „wuchern“ können. Jedoch brachte seine beharrliche Findigkeit einen entscheidenden Quellengewinn, ohne den seine hier vorgelegte Dissertation nicht hätte geschrieben werden können: Es gelang Lermann nämlich, die lang verschollen geglaubten autobiographischen und genealogischen Aufzeichnungen von Hans Löffler aufzufinden. Durch Vermittlung von Matthias Stickler hat der jetzige Besitzer dieser Unterlagen, Dr. med Lothar Seissiger in Siegsdorf, gestattet, dass Matthias Lermann dieses Quellenmaterial wissenschaftlich auswerten konnte. Ergänzt wurde das Ganze noch durch Unterlagen der Frau von Hans Löffler, einer geborenen Held, die deren Verwandter, der Würzburger Kaufmann Bernd Held-Holzwarth, ebenfalls mäzenatisch zur Verfügung stellte.

Sogenannte „Egodokumente“ sind – nicht zuletzt durch die unüberschaubar gewordene Memoirenflut – aber auch durch ihre häufig apologetischen bis egomanischen Intentionen als Quellengattung zu Recht umstritten. Lermann hat die in dieser Quellengattung problematischen Fallstricke durch sorgfältige formale und inhaltliche Textanalysen vermieden. Durch die von ihm betriebene kritische Zusammenschau des als zuverlässig eruierten offiziellen Faktenwissens mit den autobiographischen Aufzeichnungen, die sich teils aus Diarien, teils aus Familienchroniken, teils aus Memoiren zusammensetzen, ergibt sich ein lebendiges und zutreffendes Bild des Kommunalpolitikers Löffler, aber auch seiner gesamten Persönlichkeitsstruktur und seines gesellschaftlichen Hintergrundes. Durch den von Lermann so bezeichneten „biographisch-kritischen Methodenpluralismus“ konnte er der Gefahr entgehen, einseitig zu werden oder gar die stets subjektiv gefärbten „Ego-Dokumente“ ungeprüft gelten zu lassen. So hat Matthias Lermann exemplarisch die subjektive Sichtweise Löfflers quellenkritisch durchleuchtet und mit objektivierbaren Fakten verknüpft.

Anregend dürfte für ihn auch der eigene familiäre Hintergrund gewesen sein, entstammt er doch selbst von beiden Elternteilen her Familien, die dem „Bildungsbürgertum“ zugezählt werden dürfen. Sein Vater, Dr. med. Helmut Lermann, hat nicht nur als langjähriger Stadtrat von Marktheidenfeld kommunalpolitischen Einsatz gezeigt, sondern auch in seiner 1962 gedruckten Dissertation ein medizinhistorisches Werk vorgelegt, nämlich über die Prosektoren Hesselbach, die im 19. Jahrhundert am Anatomischen Institut der Julius-Maximilians-Universität gewirkt haben.

Erik Soder von Güldenstubbe